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Der blinde Fleck im KI-Stack: Warum Sapphire 2026 keine SAP-Story ist. Sondern die der Unternehmen.

SAP, der Inbegriff von „alles aus einer Hand", komponiert seinen KI-Stack aus Best-of-Breed-Bausteinen. Was das für den Mittelstand bedeutet — und welche drei Verschiebungen Mut machen sollten.

17. Mai 2026 5 min LESEN VON TIM KAPPEL

Sapphire 2026 hatte eine bemerkenswerte Botschaft im Gepäck, die im Joule-Marketing leicht untergeht.

Was Christian Klein in Orlando vorgestellt hat, ist eine Plattform, die offen aus fremden Komponenten zusammengesetzt ist. Anthropics Claude als primäres Reasoning-Modell. Mistral und Cohere für die europäischen Souveränitätsansprüche. n8n als Workflow-Engine, in die SAP eine Beteiligung im Milliardenbereich eingegangen ist. Darüber Joule mit seinen Agents und Assistants, darunter die Business Data Cloud.

SAP, der Inbegriff von “alles aus einer Hand”, komponiert seinen eigenen KI-Stack inzwischen aus Best-of-Breed-Bausteinen. Das ist eine gute Nachricht. Besonders für den Mittelstand.

Denn das, was Mittelständler in den letzten zwei Jahren bei KI faktisch gemacht haben, war genau das. Nur eben unter dem Eindruck, es sei Behelf, und die großen Anbieter würden es irgendwann “richtig” lösen. Sapphire 2026 hat diese Wahrnehmung gestern auf den Kopf gestellt.


Was in vielen Unternehmen längst entstanden ist

In den Gesprächen, die ich derzeit fast wöchentlich mit Geschäftsführern führe, sehe ich ein erstaunlich konsistentes Bild. Die IT betreibt Copilot. Im Vertrieb laufen private GPTs. In der Konstruktion testet ein Team einen KI-Konfigurator. Aus der Logistik orchestrieren ein paar Leute Bestellprozesse über n8n oder Make. In der Buchhaltung läuft ein erster Agent für Eingangsrechnungen.

Das ist kein Chaos. Es ist die organische Phase einer ernsthaften Adoption. Die Substanz ist da, die Use Cases liefern echten Wert, die Mitarbeitenden haben in zwei Jahren mehr Erfahrungen gesammelt, als sich in jedem Strategiepapier abbilden lässt. Was meistens fehlt, ist die bewusste Verknüpfung dieser Bausteine zu einer Architektur.

Genau hier liefert SAP gestern eine Sprache, die in vielen mittelständischen Unternehmen bisher gefehlt hat. Eine Architektur aus fünf Schichten: Modell, Agent, Workflow, Daten, Governance. Klar benennbar, einzeln entscheidbar, gemeinsam verantwortbar. Plötzlich gibt es ein Bild, an dem sich Geschäftsführung, IT und Fachbereich gemeinsam orientieren können.


Drei Verschiebungen, die Mut machen sollten

Die erste betrifft Make-or-Buy. Wenn SAP für die Workflow-Schicht eine Milliarden-Beteiligung an einem Berliner Startup eingeht, statt selbst zu bauen, dann ist Best-of-Breed-Komposition keine Mittelstands-Notlösung mehr. Es ist Enterprise-Standard. Wer im eigenen Haus bislang Standardkomponenten geschickt zusammengeführt hat, war damit nicht hinten dran. Er war früh dran.

Die zweite Verschiebung betrifft die Cloud-Frage. Die KI-Funktionen, die SAP gestern vorgestellt hat, entfalten ihren vollen Wert auf S/4HANA Cloud plus Business Data Cloud. Das wirkt zunächst nach zusätzlichem Druck. Es ist aber auch eine Chance, die 2027er-Migration und das KI-Programm endlich in einer Roadmap zusammenzudenken. Aus zwei sperrigen, parallel laufenden Projekten wird so eine integrierte Geschichte, die im Aufsichtsrat deutlich leichter zu erzählen ist.

Die dritte Verschiebung ist die strategisch interessanteste. Die Modellwahl wird zur Architekturfrage. SAP setzt auf Anthropic, Microsoft auf OpenAI, Workday und Oracle bleiben modellneutral. Das macht den Markt klarer, nicht unübersichtlicher. Wer Copilot und Joule parallel im Haus hat, kann diese Modelle bewusst orchestrieren, sobald die Wahl explizit getroffen wird. Bislang war diese Entscheidung implizit. Jetzt wird sie sichtbar und damit steuerbar.


Warum der Mittelstand hier nicht allein steht

Aus unserer Arbeit mit mittelständischen Unternehmen erleben wir gerade einen Übergang, der vor zwölf Monaten noch undenkbar gewesen wäre. Geschäftsführungen, die KI bisher als operatives Werkzeug betrachtet haben, beginnen, KI als Architektur zu verstehen. Sapphire 2026 beschleunigt diesen Übergang, weil SAP eine Vorlage geliefert hat, die in Vorstand und Beirat verstanden wird.

Die fünf Schichten lassen sich strukturiert aufsetzen. Nicht in zwei Wochen, aber in einem Zeithorizont, der für Geschäftsführungen handhabbar ist. Erfahrungsgemäß braucht es sechs bis zwölf Monate, um vom heutigen Bestand zu einer belastbaren Architektur zu kommen. Wichtiger als Geschwindigkeit ist Reihenfolge: zuerst Klarheit über das, was bereits läuft, dann Verantwortlichkeit pro Schicht, dann gezielter Ausbau. Mit dieser Reihenfolge wird aus organischer Adoption ein steuerbares Programm.

Bemerkenswert dabei: Die meisten Unternehmen, die diesen Weg gehen, brauchen keine zusätzlichen Tools. Sie brauchen Klarheit über die Tools, die sie schon haben.


Eine Frage für die nächste Vorstandssitzung

Welche der fünf Schichten in unserem KI-Stack haben wir heute schon im Griff? Und wer verantwortet jede einzelne?

Wenn diese Frage in der Runde gemeinsam beantwortet werden kann, ist das Unternehmen weiter, als es vermutet. Fällt die Antwort auseinander, liegt darin die eigentliche Aufgabe der nächsten 90 Tage. Eine, die im Übrigen deutlich greifbarer ist als die meisten KI-Strategieprojekte der letzten Jahre.