Die Feature-Liste ist die falsche Entscheidungsgrundlage
Best-of-Breed oder Plattform ist keine neue Frage. KI macht nur sichtbarer, wo der Unterschied liegt. Der Wert eines KI-Use-Case entsteht selten durch eine einzelne Fähigkeit, sondern durch den Datenkontext, an dem er hängt. Das entscheidet, wann Kaufen sich lohnt und wann ein kleiner eigener Agent reicht.
Eine Frage höre ich von Kunden gerade oft: Sollen wir auf das neue KI-Tool umsteigen, das unser etabliertes System alt aussehen lässt? Die großen Anbieter wirken langsam, die jungen zeigen Tools, die von Anfang an um KI herum gebaut sind.
Die Frage ist alt: Best-of-Breed oder Plattform. KI macht nur schneller sichtbar, wo der Unterschied liegt. Wer jetzt nach Features entscheidet, entscheidet nach dem, was sich am schnellsten ändert.
Der Wert liegt im Kontext
Ein KI-Use-Case wird selten durch eine einzelne Fähigkeit wertvoll. Er wird wertvoll, wenn er Kontext zusammenführt. Ein Audit-Agent prüft zuerst, ob die dokumentierten Prozesse die Norm erfüllen. Das schafft ein Spezialtool allein. Ob die Prozesse auch gelebt werden, sieht er erst mit den Daten aus ERP und angrenzenden Systemen.
Copilot zeigt das Muster
Microsoft 365 Copilot war nie das stärkste Agenten-Harness. Ich betreibe privat einen Hermes-Agenten, der virtuelle Influencer-Accounts eigenständig managt. Das kann Copilot nicht. Trotzdem gewinnt Copilot im Unternehmen, weil er über SharePoint, Outlook und Teams am Firmenkontext hängt. Besser wurde er, als Microsoft die Arbeit mit diesem Kontext verbessert hat. Agentforce bei Salesforce folgt demselben Muster. Die Großen sind langsam, aber sie kontrollieren den Datenzugang.
Und sie nutzen das. SAP steuert den Zugriff fremder Agenten zunehmend über Joule. Wer die Rohdaten direkt will, zahlt für Replikationswerkzeuge schnell sechsstellige Lizenzkosten.
Das Modell ist austauschbar
Auf einem meiner Produkte läuft seit rund einem Jahr Claude Haiku 4.5, auf einer News-Plattform seit einem halben Jahr ein kleines DeepSeek-Modell. Keine der beiden Anwendungen braucht ein Frontier-Modell. Im Prozess entscheidet das Harness, das zur richtigen Zeit die richtigen Informationen zusammenstellt.
Wann Kaufen richtig ist
Spezialsoftware lohnt sich, wenn sie von externem Kontext lebt. Eine News-Monitoring-Plattform verarbeitet jede Quelle einmal und spielt sie an zehn Kunden aus. Jeder trägt ein Zehntel des Volumens. Bei rein internen Themen kippt die Rechnung. Ein Pharmaunternehmen, mit dem ich arbeite, hat sein PIM/DAM-System durch eine Eigenentwicklung ersetzt, neue Funktionen bauen dort Coding-Agents.
Wer nicht warten will, muss das große System nicht nachbauen. Oft reicht ein kleiner Agent daneben, extern umsetzbar für 20.000 bis 30.000 Euro. Voraussetzung ist, dass ein Mensch drüberschaut. Teuer werden Agenten erst, wenn sie hands-off laufen müssen.
Die Prüffrage
Welche Daten braucht der Use Case in seiner Endausbaustufe? Liegen sie außerhalb des Unternehmens, spricht viel für den Spezialanbieter. Liegen sie im Kernsystem, lohnt zuerst das Gespräch mit dessen Anbieter über die Roadmap. Sagt der, das Thema interessiere ihn nicht, ist der Weg frei.